
Peer-Review-Krise: KI-Papierflut überfordert wissenschaftliche Gutachter
Das Peer-Review-System hat seine heutige universelle Form erst vor rund 50 Jahren angenommen – und das fast zufällig: In den 1970er-Jahren nutzte die US-amerikanische National Science Foundation externe Gutachter zur Legitimierung ihrer Förderentscheidungen, was das Verfahren als wissenschaftlichen Qualitätsstandard etablierte. Historikerin Aileen Fyfe von der University of St Andrews betont, dass Gutachten im frühen 19. Jahrhundert von unabhängigen, karrieretechnisch nicht unter Druck stehenden Forschern freiwillig und gerne geleistet wurden – eine Ausgangslage, die heute nicht mehr existiert. Der Fall des Gesundheitsökonomen Jason Semprini von der Des Moines University illustriert die Folgen: Sein Papier über HPV-Impfpflichten wurde von einem einzigen, offenbar überforderten Gutachter abgelehnt, der den Untersuchungsgegenstand grundlegend missverstanden hatte. Während früher fünf bis zehn Anfragen genügten, um drei Reviewer zu finden, muss Human-Immunology-Editor Steven Mack heute bis zu 30 Forscher anschreiben, um auch nur einen einzigen zu gewinnen. Weltweit leisten Wissenschaftler nach Schätzungen zusammen 15.000 Personenjahre Gutachterarbeit pro Jahr – allein der US-Anteil hätte einen monetären Gegenwert von 1,5 Milliarden Dollar. Microbiologe Sebastian Lourido vom Whitehead Institute beschreibt das System als „extremely protracted and painful". Besonders in der KI-Forschung weichen Wissenschaftler bereits auf informelle Kanäle wie Blogs und Preprints aus, da die Publikationszyklen klassischer Journals mit dem Innovationstempo nicht mehr mithalten können.
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